Gozo-Journal
Das Magazin zur Insel der Calypso

AUSPROBIERT

Die Landkarte am Fuße

Die Britin Shirley Shone bietet "Reflexology" in Gharb an 

shirley

Die Wellness-Branche boomt – auch auf Gozo. Namhafte Hotels locken mit exklusiven Wohlfühl-Oasen, Massagen und Aromatherapien. Fast unbemerkt etablieren sich jetzt auch mehr und mehr private Therapeuten im Geschäft um Harmonie, Stressabbau und Entspannung. Sie bieten Gleiches im sehr viel kleineren Rahmen an – und sind dabei erheblich kostengünstiger als die renommierten Hotels vor Ort. Was ist dran am Wellness-Angebot beim Therapeuten von nebenan? Alles Scharlatanerie, oder sind die privaten Anbieter eine seriöse Alternative zu Kempinski & Co.? Kerstin Himmelmann hat`s ausprobiert und berichtet von ihrer Fußreflexzonenmassage bei der anerkannten Therapeutin Shirley Shone in Gharb. 

 

Der Blick auf die Uhr verrät: Ich bin spät dran. Viel zu spät. Und dann auch noch diese blöde Dauerbaustelle, die ich völlig vergessen hatte – statt „mal eben schnell“ nach Gharb zu sausen, raubt mir die Umleitung eine geschlagene halbe Stunde. Es ist heiß an diesem Septembermorgen, die Sonne brennt erbarmungslos aufs Autodach. Bei anderer Gelegenheit hätte ich die Fahrt über die Dörfer im Nordwesten Gozos wahrscheinlich genossen – jetzt bin ich einfach nur ausgelaugt und entnervt.

„Dee-Stress“ steht in kleinen weißen Lettern auf der hübschen blauen Visitenkarte, die mir Shirley vor ein paar Tagen in die Hand gedrückt hat. Ein weich gezeichneter Ausschnitt von sanft dahin plätschernden Wellen, die sich im Horizont verlieren, signalisiert Ruhe und Entspannung. Genau das kann ich jetzt gut gebrauchen. Beinahe könnte man meinen, Shirley habe sich absichtlich hier unten im Nirgendwo niedergelassen – nach der anstrengenden Fahrt ist Erholung bitter nötig.

reflexEndlich finde ich das schöne neue Haus im traditionellen Baustil: Die hellgelben Sandsteinmauern und goldbraunen Fensterrahmen verleihen dem Gebäude bereits von außen eine warme und einladende Note. Mit einem gewinnenden Lächeln öffnet Shirley mir die Tür. „Hier geht`s lang“, sagt sie und weist mir den Weg in das erste Obergeschoss, wo ihre Praxis untergebracht ist.

Beim Betreten des Raumes fällt bereits der erste Alltags-Ballast von mir ab: Der dezente Duft von ätherischen Ölen umschmeichelt meine Nase. Durch helle Bast-Rollos vor den großen Fenstern dringt gedämpftes Sonnenlicht in den Raum. Aus einer kleinen Stereoanlage in der Ecke klingt indische Musik. Shirley bietet mir ein Glas Wasser an und nimmt mit mir Platz.

 

Wie bei jeder Erstuntersuchung erstellt die gebürtige Britin zunächst eine Anamnese: Irgendwelche schwerwiegenden Gesundheitsprobleme, Allergien, vererbter Bluthochdruck? Ich verneine. Bis auf einen leichten Heuschnupfen bin ich soweit ganz fit – glaube ich zumindest. Eine schwerwiegende Erkrankung gab`s eigentlich nur einmal, vor etlichen Jahren, da hatte ich eine üble Nierenbeckenentzündung - aber das ist ja schon ewig lange her…

 

Über einen Hocker klettere ich jetzt auf eine mit weißen Laken umhüllte Liege in der Mitte des Raumes. Shirley setzt sich auf einen Stuhl und bearbeitet zunächst mit langen, kräftigen Strichen meine unteren Waden und Füße. Ich, die ich entsetzlich kitzelig bin, wundere mich bald über mich selbst: Nein, unangenehm ist dies nicht – ganz im Gegenteil: Wohlige Wärme breitet sich über meinen Fußsohlen aus.

 

„Der Fuß ist wie eine Landkarte“ weist mich Shirley in die Kunst der Reflexologie ein. Jeder Bereich der Fußsohle wird einem bestimmten Organ oder Körperteil zugeordnet. Über Nerven und „Meridiane“, hypothetisch angenommene Energiebahnen, die den Köper durchziehen, stimulieren die Reize an der Fußsohle das jeweilige Pendant an Kopf, Rumpf und Extremitäten.

 

Mit kreisenden Bewegungen bearbeitet Shirley meine Zehen,  jeden einzelnen, von außen nach innen. „Das sind die Sinuspunkte“ erklärt sie. Hier enden Nerven, die bis in den Nasen- und Nebenhöhlenbereich reichen. Irgendetwas zwickt mich jetzt. Shirley`s massierender Druck ist plötzlich nicht mehr ganz so angenehm. „Ja, die sind ein wenig stramm“, bestätigt sie und knetet weiter. Nach und nach löst sich der Druck an den Zehen – und zu meiner Verwunderung auch etwas Sekret in meiner Nase! Nach nur wenigen Minuten befreit sich mein Heuschnupfen-geplagtes Riechorgan und ich atme tief durch.

 

Hach ja, so lässt es sich leben. Der Mittelfuß ist dran, dort wo die Reflexzonen fürs Herz und die Lungen liegen. Alles angenehm, alles sehr entspannend. Ich schließe wohlig meine Augen.

 

Doch autsch! Was war denn das? Das tat ja jetzt richtig weh! Shirley hat`s sofort gemerkt löst den Fingerdruck. „Das ist jetzt der Nierenpunkt“, sagt sie. Gut möglich, dass der Körper ein „Schmerzgedächtnis“ habe. Sie erinnert mich an die Anamnese: die Nierenbeckenentzündung. Interessant. Die war völlig aus meinem Bewusstsein verschwunden – aber in meinem Körper scheint sie noch immer abgespeichert zu sein…

 

Sanftes Kreisen und Massieren, machen den Druck bald erträglich. Wieder lehne ich mich zurück und genieße es, einfach mal dazuliegen und nichts zu tun. Fast schlummere ich ein, da sagt Shirley: „Das war`s“. Schade. Eineinhalb Stunden sind wie im Fluge vergangen. Etwas beschwippst steige ich von der Liege. Hoppla, das ist ja fast so, als ob man sich einen Prosecco am Morgen gegönnt hätte: Leichten Fußes steige ich die Treppen zum Ausgang hinunter und lasse mich tief entspannt in den Autositz fallen. Mein Körper ist relaxt, mein Geist befreit, und dass ich jetzt wieder diese dumme Baustelle umfahren muss, kratzt mich nicht im Geringsten. Mit wohlig warmen Füßen klettere ich noch am Abend ins Bett. Auf dem Weg in einen friedlich-tiefen Schlaf begleiten mich süße Träume von meinem nächsten Besuch bei Shirley. Vielleicht probier` ich dann mal die indische Kopfmassage? Mal sehen. So`n bisschen Luxus darf auch mal sein - insbesondere dann, wenn er durchaus bezahlbar ist. 

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